Hier fehlt ein Buch. Oder eine Geschichte.

Zumindest hier, wo die Beiträge für den Geschichtenplanet entstehen, waren die letzten Tage ganz unangenehm grau in grau. Eben so richtiges Lesewetter! Und sicher kennt Ihr das auch:

  • Man sitzt auf der Couch, starrt durchs Fenster in den Regen und wünscht sich, man hätte ein schönes Buch.
  • Man wartet auf den Bus, die Tram oder U-Bahn und wünscht sich, eine gute Geschichte würde die Wartezeit verkürzen.
  • Man möchte nicht schon wieder in die Glotze starren und wünscht sich, ein richtig fesselnder Krimi wäre zur Hand.

Diese und noch viele andere Szenen unter dem Motto „Hier fehlt ein Buch!“ findet Ihr bei Instagram unter dem Hashtag #hierfehlteinbuch. Wir wünschen viel Spaß beim Schmökern!

… ach ja: Nicht immer braucht’s ein Buch, um gut unterhalten zu werden. Denn gute Geschichten schreibt nicht nur das Leben, sondern auch Eure Phantasie!

Wie Ihr Eure Geschichtenerfindefähigkeiten ausbauen könnt, steht in unserem Buch „Last uns eine Geschichte erfinden“. Hier geht’s zur kostenlosen Leseprobe:

https://geschichten-planet.de/2017/08/29/lasst-uns-eine-geschichte-erfinden-leseprobe/

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„Weihliche Fröhnachten“ – Leseprobe

Weihnachtsmann in der Vorstandsetage

»Blumenstraße 32, aber zackzack! Du liegst weit hinten!« Nick wusste auch ohne das Gebrüll seines Chefs, dass er reichlich spät dran war. Aber was sollte er machen? Das war an diesem Dezemberabend schon sein vierter Einsatz als Weihnachtsmann und wegen der schlechten Witterung und der nicht enden wollenden Flut an Shoppingverrückten kam es ihm so vor, als herrschte auf den Straßen ein eigenes Raum-Zeit-Gefüge, in dem die Zeit raste und sich zugleich Strecken ins Unendliche dehnten. Zum Glück würde sein Chef die nächste und letzte Tour übernehmen (Passte der überhaupt noch in sein Kostüm? Und hoffentlich war das kein Besuch bei Kindern, so wie der Kerl nach Glühwein und Zigaretten roch …) und sein Kollege Olli aus der Dispo hatte schon die Säcke für die nächsten Touren vorbereitet. Nick suchte unter den Beschriftungen nach der passenden: »Hauptstraße … Arnulfsplatz … Goethegasse … Blumen … ah ja!« Er schulterte den grobschlächtigen Jutesack und sprintete zu dem knallroten Lieferwagen, der ihm als irdischer Ersatz eines Rentierschlittens diente. »Verdammt!«, schoss es ihm durch den Kopf. Schon wieder dieser Ohrwurm! Doch es war zu spät und während er den Fahrersitz enterte, um mit Karacho davonzubrausen, sang er die Geschichte vom Rentier mit der roten Nase vor sich hin.

Das Navi hatte ihn nach einer Viertelstunde an die Adresse gebracht und beeindruckt sah Nick nach oben: Hoch türmte sich vor ihm der Hauptsitz einer Großbank auf. Was mochte wohl bei solchen Geldsäcken im Geschenksack stecken? Na, er würde es gleich herausfinden! Mit seinen schweren Winterstiefeln stapfte er zum Portier. »Fröhliche Weihnachten, mein Kind! Warst du auch artig?«, scherzte Nick, aber der schnöselige Uniformträger lupfte nur eine Augenbraue und grummelte. »Zur Vorstandsfeier? 44. Stock. Aber nehmen Sie eine stabile Rute mit, die werden Sie bei dem Pack brauchen.«

»Na also«, dachte Nick, »ein wenig Humor hat die Miesmuschel ja doch.« Er warf sich den Sack über, ging zu den spiegelnden Aufzugtüren und drückte den Nach-oben-Pfeil.

»Zum Kamin geht’s aber weiter hinten!«, rief der Portier. »Ohne Sauerstoffgerät kommen meine Rentiere aber nur bis zum 39. Stock«, alberte Nick zurück. Verflixt, schon wieder biss sich dieser Rentier-Ohrwurm fest. Oben stieg er aus und brauchte nur dem fröhlichen Lärm zu folgen, um die Feiermeute zu finden. »Herrje«, ging es ihm durch den Kopf, „die sind ja schon alle knülle. Das wird kein angenehmer Job.“

Tatsächlich ging es in dem Konferenzraum, der weihnachtlich geschmückt war und beinahe Ballsaal-Maße aufwies, drunter und drüber. »Ho, ho, ho«, machte Nick zögernd, aber niemand schien ihn wahrzunehmen. Alle waren viel zu sehr damit beschäftigt, sich gegenseitig die Deals und Coups des vergangenen Geschäftsjahrs zu erzählen. »HO! HO! HO!«, schrie er, und tatsächlich erregte er genug Aufmerksamkeit, sodass die Gespräche und das Gelächter verstummten.

»Geschenke!«, rief einer, der die Krawatte schon auf Halbmast trug, und ein weiterer Manager, der sichtbar noch mehr Alkohol in der Krone hatte, lallte: »Mmmein Bonus wargarnichvielheuer. Ichwarunartig, schlschlaschlag mich!« und er reckte Nick die Kehrseite entgegen. Lautes Gelächter ertönte, und Nick fühlte sich wie ein unerfahrener Lehrer, der sich an seinem ersten Unterrichtstag einer Bande Pubertierender in Grenzauslotungsstimmung stellen musste. Oder wie dieses doofe Rentier, das von den anderen ausgelacht … Halt! Ein Gedanke durchzuckte ihn. War das nicht die Chance, von der er seit Jahren träumte? Denen »da oben« mal so richtig die Meinung zu geigen? Also nutzte er das nächste kurze Abebben des Lärmpegels, um nochmal von vorn zu beginnen.

»Ho! Ho! Ho! Was ich sehe, macht mich gar nicht froh!« »Cool«, dachte Nick, »Slam Poetry vom Weihnachtsmann!«, und die Freude über den Reim verschaffte ihm Aufwind.

Also stellte er sich breitbeinig hin, knallte den Sack auf den Boden, hängte die Daumen in seinen breiten Weihnachtsmanngürtel und schwadronierte drauf los. Über den Irrsinn des High-Speed-Tradings, über Moral und Sitte, über die Hypothek seiner Eltern und den Werteverfall im Großen wie im Kleinen. Nach etwa fünf Minuten, in denen er sich immer mehr in Rage redete und die Augen der Feiernden immer größer wurden, endete er schließlich: »… und Ihr? Ihr schuftet 70 Stunden die Woche, seht nie eure Familien, wisst den Wert eines gemeinsamen Abendessens nicht zu schätzen, bekommt eher einen Herzinfarkt als eine Abfindung und alles, was ihr schlussendlich nach aufreibenden Jahren in all diesem Wahnsinn zu erwarten habt, ist … das hier!«

Und mit diesen Worten griff er mehrmals mit beiden Händen in den Jutesack und warf die Geschenke in den Raum. Was da auf dem Boden und den Tischen vor den Vorstandsmitgliedern landete und mit zögernden Handgriffen ausgepackt wurde, erstaunte ihn fast mehr als die Beschenkten: Heizdecken, Rheuma- und Gelenksalben, Schals und Mützen, Ginkgopräparate, Gedächtnismittelchen, Diabetikerschokolade, Kräutertees – alles, was einem verspricht, das beschwerliche Alter etwas erträglicher zu machen, fand sich unter den Präsenten.

Während unter den Beschenkten manche ungläubig glotzten und andere sinnierend nickten, staunte Nick darüber, dass sein Auftritt tatsächlich noch seltsamer gelaufen war, als er befürchtet hatte. »Abflug!«, rief er sich in Gedanken selbst zu und rauschte mit wehendem Weihnachtsmannmantel davon. Wieder unten angekommen, begrüßte ihn im Foyer der Portier mit spöttischem Grinsen. »Na? Irgendeinen Braven gefunden?« Aber Nick konnte nicht antworten, weil sein Handy vibrierte. Sein Chef! Er hob ab und bevor er zu einer Begrüßung ansetzen konnte, plärrte es ihm aus dem Gerät entgegen:

»Bist du völlig irre geworden? Du Idiot hast die Säcke vertauscht! Ich bin im Altenheim in der Blumenallee und hier sind die Alten völlig außer Rand und Band! Die haben hier nagelneue Smart- phones, teuerste Zigarren, Weinbrand und exklusiven Single-Malt-Whisky ausgepackt – und jetzt sitzen sie da, rauchen, saufen und rufen ihre Verwandten an. Und das alles auf Kosten der Bank! Wie soll ich das alles wieder rückgängig machen?« Nick dachte kurz nach. »Wozu denn?«, erwiderte er. »Hat alles seine Richtigkeit. Frohe Weihnachten!« Und mit einem zufriedenen Grinsen schaltete er das Handy aus.

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Leseprobe „Der kleinste aller Weihnachtswichtel“

Mit freundlicher Genehmigung des Verlags Herder gibt’s heute einen Einblick in den Anfang von „Der kleinste aller Weihnachtswichtel“, geschrieben von Michael:

Finn war nicht nur der kleinste aller Weihnachtswichtel – er fühlte sich auch als der einsamste und traurigste. Niemand, so glaubte er, hatte ihn lieb. Das fing schon bei seinem Namen an: „Finn“ war ein Vorschlag der Mutter gewesen und der Vater hatte diese Namenswahl nur grummelig mit den Worten kommentiert: „Reichlich kurz, aber vier Buchstaben werden bei so einem Winzling ja wohl reichen!“

Das war ganz schön gemein, denn Wichtel sind ja schon von Natur aus nicht gerade die Größten. Wie konnte man da einem von ihnen nur wegen ein paar fehlender Zentimeter einen wohlklingenden Wichtelnamen vorenthalten? Zum Beispiel Siljan, Tjarven oder Kristfinnur. Aber Finn hieß eben nur: Finn. Und als wäre die Schmach mit dem kürzesten aller Wichtelnamen nicht schon schlimm genug, fühlte sich Finn jedes Jahr zur Vorweihnachtszeit besonders schlecht. Denn während ringsherum alle Wichtel emsig umhereilten, Pakete schleppten, den Schlitten putzten und Geschenkband wickelten, gab es für Finn einfach nichts zu tun. Was hatte er schon alles versucht!

Als Erstes hatte er sich von seiner Mama eine riesiggroße Zipfelmütze nähen lassen. Mit dieser versuchte er, seine mangelnde Größe zu kaschieren, denn die Mütze schummelte leicht ein paar Zentimeter dazu. Mit dieser neuen Mütze war er tagelang durch das gesamte Winterwunderland des Weihnachtsmanns gelaufen und hatte seine Hilfe angeboten. Aber wenn die anderen Wichtel erst einmal sahen, was für ein zarter Winzling sich unter der auffälligen Mütze verbarg, winkten sie stets ab – manchmal mit einem mitleidigen Lächeln, manchmal aber auch recht unwirsch. Zu allem Überfluss rutschte Finn seine schöne neue Mütze immer wieder ins Gesicht und verdeckte die Augen, sodass er sie in einem unbeobachteten Moment jedes Mal wieder nach oben schieben musste. Was gäbe er nur darum, ein klitzekleinbisschen größer zu sein!

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Ein Lächeln am Sonntagabend

Bevor man eine Familie ist, ist man (meist) erst einmal ein Paar. Und über genau diese Zeit der Zweisamkeit hat Michael in einer regelmäßigen Kolumne geschrieben. Auf Geschichten-Planet.de erfahren einige Ausgaben eine Wiederveröffentlichung – schließlich schreibt das Leben die besten Geschichten. Viel Spaß!

Gerberas! Ich brauche mehr Gerberas!

Niemals werde ich eine klassische Hochzeit feiern! All dieses pompöse Gedöns, die Einladungskarten, die Sitzordnung, die Band, die Blumen, die Kirche, die Fotos… das brauch ich nicht, das will ich nicht, das kriegt sie nicht. Ein Standpunkt, der tief in meiner Junggesellenzeit verwurzelt ist und von dem ich auch nie abrücken wollte. Nicht für diese großen braunen Augen, nicht für diesen Schmollmund und nicht für diese Finger, die unruhig auf der Tischplatte trommelten.

„So, du willst also eine alternative Hochzeit?“ fragte die, die vor dem Gesetz bereits meine Frau war und die ich nun noch zum Alter führen wollte, und zeichnete Gänsefüßchen um das ‚alternative‘ in die Luft. „Und wie sieht sowas aus?“ – „Na ja…“ fing ich an. „Mehr wie ne… Party halt.“ .Die Antwort kam so knapp wie frostig: „Tja, dann wirst du wohl Ronald McDonald heiraten müssen. Der schmeißt… Partys!“ Die Gänsefüßchen für ‚Party‘ zerschnitten die eisige Atmosphäre, und ich wusste: Aus der Nummer würde ich nicht mehr rauskommen. Vor meinem geistigen Auge sah ich den Albtraum, der schon so viele Männer heimgesucht hatte: Tischkärtchen beschriften, die Sitzordnung in 3D am Computer planen, bei Hochzeitsmessen als Stammgast persönlich begrüßt werden und Tanzlehrern beim Hochzeitsvorbereitungskurs zur Belustigung dienen. Und mittendrin im Chaos meine Zukünftige mit was Blauem, was Geliehenem und so weiter, wie sie noch vor der Kirche furiengleich das Gasthaus inspiziert, an Tischdecken zupft, die Sektempfangsgläser ausrichtet, am Blumenarrangement nestelt und nach mehr Gerberas auf dem Brauttisch ruft. Kalter Schweiß trat mir auf die Stirn. „Also gut.“ unterbrach sie zu meiner Verblüffung die Schreckensvision. „Мachen wir halt was anderes. Du planst!“

Die Pointe, der Leser ahnt es, ist vorhersehbar: Mir fiel nichts ein. Und je verrückter die Location (Arbergipfel bei Sonnenaufgang), abgedrehter das Partymotto (hoch zeiten, tief stapeln) und planloser die Gästeliste wurde, umso mehr wurde mir klar: Das will ich dann doch nicht. Ich will eine Hochzeit mit leckerem Essen, in einem schönen Saal, mit feiner Musik, viel Tanz, noch mehr guten Freunden und meinetwegen auch mit der ganzen Verwandtschaft. Und so  fanden wir uns, ganz der perfiden Planung meiner Frau folgend, wieder beim gemeinsamen Planen, beim Probeessen, Fotografen aussuchen, Band buchen und Sitzplan aushecken. Weil, irgendwie gehört es dann doch dazu, dieser ganze Aufwand, die Planerei und die Geheimnistuerei beim Brautkleid. Und dass es keine zu gewöhnliche Hochzeit werden wird, dafür sorgt dann schon das Brautpaar. Ich muss mich nur noch vergewissern, dass auch genug Gerberas da sein werden.

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„Lasst uns eine Geschichte erfinden“ – Leseprobe

Am 18. August 2017 ist im Verlag Herder  das erste gemeinsame Buch von Petra und Michael erschienen: „Lasst uns eine Geschichte erfinden – Storytelling mit der ganzen Familie“.

Dabei verfolgen die beiden Autoren ein innovatives, eigenständiges Konzept: In insgesamt 12 Kapiteln werden unterschiedliche Aspekte des Geschichtenerzählens und die Wirkung von Geschichten beleuchtet. Zu Beginn jedes Kapitels erläutert Petra pädagogische Hintergründe und gibt ganz konkrete Tipps, wie aus einer Geschichte eine wertvolle, kindgerechte Anregung wird. Anschließend zeigt Michael an einer Beispielerzählung, wie eine solche Geschichte mit sinnvoller Funktion aussehen kann. Und schließlich fordert ein motivierender Kreativteil dazu auf, im Rahmen der ganzen Familie eigene Geschichten zu erfinden und zu erzählen.

Und wie sieht das Ganze nun aus? Das zeigen wir Euch – mit freundlicher Genehmigung des Verlags dürfen wir Auszüge aus einem Kapitel veröffentlichen. Wir haben uns für das Kapitel mit extra viel Fantasie entschieden und wünschen Euch viel Vergnügen beim Reinlesen!
(Am Ende der Leseprobe findet Ihr den Partnerlink zu Amazon)

KINDER BRAUCHEN FANTASTISCHE GESCHICHTEN, DAMIT IHRE SEELE WACHSEN KANN

– und es darf ruhig auch mal gruselig sein …

Lassen Sie in Ihren erzählten Geschichten ruhig Ihre Helden zum Mond  fliegen und Gespenster herumgeistern. Damit treffen Sie nicht nur den Nerv Ihrer kleinen Zuhörer, sondern schaffen auch ganz neue, kreative Auseinandersetzungsmöglichkeiten mit verschiedenen  Themen.

(…)

Erzählen Sie von Zauberern, Gespenstern oder Riesen

Bauen Sie fantastische Gestalten in Ihre Geschichten ein. Und erfinden Sie Figuren, die überaus stark, schrecklich gefährlich, des Zauberns mächtig oder unsichtbar sind. In der Fantasie ist eben alles möglich. Dabei müssen Sie keine Angst haben, dass Sie Kinder mit solchen Erzählungen überfordern oder ängstigen würden. Kinder stellen sich in ihrer Fantasie die beschriebenen Figuren nur so gefährlich oder schrecklich vor, wie sie es ganz persönlich verkraften können. Das ist vor allem bei erzählten Geschichten so. Denn beim Erzählen zeigen Sie den Kindern keine vorgefertigten Bilder, schauen sich keine Buchillustrationen an, bei denen jemand eine gruselige Figur schon vorgegeben hat. Alle Bilder entstehen ausschließlich im Kopf des kleinen Zuhörers. Und der mutet sich nur so viel zu, wie ihm guttut.

(…)

So erzählen Sie kindgerechte Fantasiegeschichten

Damit Ihre fantasievollen Geschichten bei Kindern gut ankommen und gerne gehört werden, können Sie auf einige kleine Kniffe und Tipps zurückgreifen:

  • Achten Sie bei einer fantastischen Geschichte immer darauf, dass sie gut ausgeht. Kinder brauchen – gerade wenn der Inhalt der Geschichte sehr spannend und vielleicht auch überzeichnet gefährlich ist – die Sicherheit, dass das Gute am Ende siegt.
  • Merken Sie sich die Eckpunkte Ihrer fantastischen Erzählung gut. Denn gerade gruselige, spannende Geschichten sollten durchaus öfter erzählt werden. Bei jeder Wiederholung werden die Kinder den Helden umso mehr anfeuern, auf dass er seine Aufgabe gut meistern wird. Auch wenn sie natürlich schon wissen, wie es ausgehen wird.
  • Lassen Sie erfundene Figuren ruhig immer wieder etwas Neues erleben. Wenn die Figur den Kindern schon vertraut ist, bekommen Sie sicherlich auch Stichworte und Ideen von den Kindern, wie die Geschichte diesmal sein soll. Der Zwerg Winzi kann im Wald schließlich allerhand erleben oder die kleine Hexe Hilli wird in der Hexenschule immer wieder neue Hexenprüfungen bestehen müssen.
  • Nehmen Sie sich Zeit beim Beschreiben der besonderen, magischen, fantasievollen Figur in Ihrer Geschichte. Und merken Sie sich die äußeren Merkmale. Dann können Sie diese Schilderung als Einstieg für alle weiteren Abenteuer dieser Figur verwenden. Zudem lernen die Kinder den Riesen, Drachen oder Zauberer dadurch besonders genau kennen. Und bestimmt werden sie beim zweiten oder dritten Abenteuer dieser Figur am Anfang mitreden, wenn Sie vom blau schimmernden, krummen Zauberhut, von der Hakennase mit drei grünen Warzen auf der Spitze oder vom Schnurrbart, der bis zu den Zehenspitzen reicht, berichten.
  • Greifen Sie bei fantastischen Geschichten ruhig auch auf sich wiederholende Phrasen während des Geschichtenfortgangs zurück. Verwenden Sie zum Beispiel Zaubersprüche, die immer wieder aufgesagt werden. Oder legen Sie der fantastischen Figur bestimmte Redewendungen in den Mund. Sagt der Räuber zum dritten Mal »Eieieiei, verblüxt noch mal«, werden die Kinder bestimmt lachend mit einstimmen.(…)

    Geschichte:  Ich bin zu groß zum Gruseln!

    »Gute Nacht, Ben!«
    Benjamins Mutter gab ihm, wie jeden Abend, einen sanften Gutenachtkuss auf die Stirn und zog ihm dabei die Decke bis zu den Schultern.
    »Gute Nacht, Mama! Schaust du noch in den Schrank?«, fragte er mit sorgenvollem Blick.
    »Aber natürlich.« Sie ging zu Bens Kleiderschrank, öffnete die Türen so weit, dass Ben hineinsehen konnte, und sagte: »Siehst du? Niemand drin. Keine Geister, Hexen und Zauberer.«
    »Und Monster?«
    »Moment, ich schau noch mal … hm … nein, auch keine Monster.«
    »Danke, Mama.«
    »Bitte schön. Und jetzt schlaf«, sagte Bens Mutter und löschte das Deckenlicht. Nur das kleine Nachtlicht neben seiner Tür vertrieb ein wenig von der Dunkelheit in seinem Zimmer. Weil seine Mutter ihm gesagt hatte, dass es in seinem Schrank nichts gab, wovor er sich fürchten müsste, schlief Ben auch bald ein. Aber kurz darauf weckte ihn ein Rütteln an seiner Schulter.
    »Ben! Ben!«, flüsterte jemand aufgeregt. Erschrocken fuhr er hoch – und sah seinen geliebten Teddy Kasimir auf dem Kopfkissen sitzen. Der starrte ihn mit ängstlichen Knopfaugen an. Benjamin rieb sich die Augen.
    »Du kannst reden?«, fragte er verwirrt.
    »Aber natürlich! Ich bin dein Teddy! Wie sollten wir uns sonst unterhalten?«, erwiderte das Kuscheltier, und Ben musste zugeben, dass diese Erklärung ganz logisch klang. Also fragte er nicht weiter nach und wollte wissen: »Was ist denn, Kasimir?«

    Da ist jemand im Schrank!«
    »Aber meine Mami hat doch nachgesehen.«
    »Trotzdem.«
    »Hast du etwa Angst, Kasimir?«
    »Klar! Ich gehöre zur kleinsten aller Bärenarten, kann nicht weglaufen und habe keine Krallen wie mein Onkel Georg Grizzly. Natürlich habe ich Angst! Du nicht?« Benjamin entschloss, vor einem kleinen Teddy keine Furcht zu zeigen, streckte Brust und Kinn vor und sagte, mehr um sich selbst zu überzeugen:
    »Natürlich nicht! Ich bin zu groß zum Gruseln!« Er klemmte sich Kasimir unter den Arm, hüpfte aus dem Bett und schritt wagemutig in Richtung Schrank. Dabei hielt er den Teddy ganz fest. Obwohl Benjamin so furchtlos tat, war irgendwie nicht ganz klar, wer hier eigentlich wen beschützte, als sie vorsichtig in den Schrank lugten.
    »Hallo?«, sagte Ben leise, und bevor er »Ist da wer?« fragen konnte, stupste Kasimir ihn an.
    »Da!«, sagte der Bär und deutete mit einer Tatze tiefer in den Schrank hinein. »Da ist Licht!«
    Und tatsächlich: Es war Benjamin noch nie aufgefallen, aber tief drin im Schrank erkannte er einen Spalt, durch den etwas Licht drang. Sie gingen einen Schritt weiter, und als sie ganz im Schrank waren, fiel die Tür hinter ihnen zu. Sie zuckten zusammen, doch hinter ihnen war es zu dunkel, um irgendetwas zu erkennen und einen Ausweg zu suchen. Also gingen sie näher zu dem Spalt, und nun hörten sie sogar Stimmen! Gebannt legten Junge und Bär je ein Ohr an den Lichtspalt und lauschten angestrengt.

    »Warzenschleim und Krötenglibber, ich sage doch, da ist niemand im Schrank! Keine Hexen, keine Geister.«
    »Und Menschen?«
    »Wie sollen denn Menschen in deinen Schrank kommmen? Aber gut, ich seh mal nach.«
    Schlurfende Schritte näherten sich, begleitet von ächzendem Schnaufen und Naseschniefen. Dann wurde der Spalt immer größer, eine Tür öffnete sich, und Kasimir und Benjamin blickten auf die schauerlichste Gestalt, die sie je gesehen hatten: ein uralter, verschrumpelter Zwerg, der Ben kaum bis zur Schulter reichte. Er hatte eine zerrissene Hose an, sein Hemd war über und über mit Schmutzflecken und Spritzern von Tomatensoße bedeckt und einer seiner Hosenträger schleifte auf dem Boden, weil der Knopf fehlte. Der Zwerg hatte wild zerzaustes, graues Haar und so viele Falten im Gesicht, dass er aussah wie ein uralter Baum. Er hatte Augen und Mund aufgerissen, und Ben konnte mehr Zahnlücken als Zähne erkennen.

    »Aaaaaaaaaaaaaaarrrrgh!«, schrie der Zwerg.
    »Aaaaaaaaaaaaaaarrrrgh!«, schrien Ben und sein Teddy, und als der Zwerg davonlief, rannten auch sie aus dem Schrank, quer durch ein Zimmer, das sie noch nie gesehen hatten, und an einem Bett vorbei, in dem ein junger Zwerg lag und sich die Decke über den Kopf zog.
    »Da entlang!«, rief Kasimir und deutete auf eine Tür. Der alte Zwerg hatte mittlerweile seinen ganzen Mut zusammengenommen, griff nach einem Besen und fuchtelte damit in ihre Richtung.
    »Kschschsch«, machte er. »Ksch! Raus mit euch, furchtbare Kreaturen!« Aber genau das hatten der Junge und sein Knuddelbär ohnehin vor, und Ben stürmte durch die Tür nach draußen. Mit seinem Bären lief und lief er, immer weiter, aber irgendwann konnte Ben nicht mehr und blieb schnaufend stehen.
    (…)

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