„Weihliche Fröhnachten“ – Leseprobe

Weihnachtsmann in der Vorstandsetage

»Blumenstraße 32, aber zackzack! Du liegst weit hinten!« Nick wusste auch ohne das Gebrüll seines Chefs, dass er reichlich spät dran war. Aber was sollte er machen? Das war an diesem Dezemberabend schon sein vierter Einsatz als Weihnachtsmann und wegen der schlechten Witterung und der nicht enden wollenden Flut an Shoppingverrückten kam es ihm so vor, als herrschte auf den Straßen ein eigenes Raum-Zeit-Gefüge, in dem die Zeit raste und sich zugleich Strecken ins Unendliche dehnten. Zum Glück würde sein Chef die nächste und letzte Tour übernehmen (Passte der überhaupt noch in sein Kostüm? Und hoffentlich war das kein Besuch bei Kindern, so wie der Kerl nach Glühwein und Zigaretten roch …) und sein Kollege Olli aus der Dispo hatte schon die Säcke für die nächsten Touren vorbereitet. Nick suchte unter den Beschriftungen nach der passenden: »Hauptstraße … Arnulfsplatz … Goethegasse … Blumen … ah ja!« Er schulterte den grobschlächtigen Jutesack und sprintete zu dem knallroten Lieferwagen, der ihm als irdischer Ersatz eines Rentierschlittens diente. »Verdammt!«, schoss es ihm durch den Kopf. Schon wieder dieser Ohrwurm! Doch es war zu spät und während er den Fahrersitz enterte, um mit Karacho davonzubrausen, sang er die Geschichte vom Rentier mit der roten Nase vor sich hin.

Das Navi hatte ihn nach einer Viertelstunde an die Adresse gebracht und beeindruckt sah Nick nach oben: Hoch türmte sich vor ihm der Hauptsitz einer Großbank auf. Was mochte wohl bei solchen Geldsäcken im Geschenksack stecken? Na, er würde es gleich herausfinden! Mit seinen schweren Winterstiefeln stapfte er zum Portier. »Fröhliche Weihnachten, mein Kind! Warst du auch artig?«, scherzte Nick, aber der schnöselige Uniformträger lupfte nur eine Augenbraue und grummelte. »Zur Vorstandsfeier? 44. Stock. Aber nehmen Sie eine stabile Rute mit, die werden Sie bei dem Pack brauchen.«

»Na also«, dachte Nick, »ein wenig Humor hat die Miesmuschel ja doch.« Er warf sich den Sack über, ging zu den spiegelnden Aufzugtüren und drückte den Nach-oben-Pfeil.

»Zum Kamin geht’s aber weiter hinten!«, rief der Portier. »Ohne Sauerstoffgerät kommen meine Rentiere aber nur bis zum 39. Stock«, alberte Nick zurück. Verflixt, schon wieder biss sich dieser Rentier-Ohrwurm fest. Oben stieg er aus und brauchte nur dem fröhlichen Lärm zu folgen, um die Feiermeute zu finden. »Herrje«, ging es ihm durch den Kopf, „die sind ja schon alle knülle. Das wird kein angenehmer Job.“

Tatsächlich ging es in dem Konferenzraum, der weihnachtlich geschmückt war und beinahe Ballsaal-Maße aufwies, drunter und drüber. »Ho, ho, ho«, machte Nick zögernd, aber niemand schien ihn wahrzunehmen. Alle waren viel zu sehr damit beschäftigt, sich gegenseitig die Deals und Coups des vergangenen Geschäftsjahrs zu erzählen. »HO! HO! HO!«, schrie er, und tatsächlich erregte er genug Aufmerksamkeit, sodass die Gespräche und das Gelächter verstummten.

»Geschenke!«, rief einer, der die Krawatte schon auf Halbmast trug, und ein weiterer Manager, der sichtbar noch mehr Alkohol in der Krone hatte, lallte: »Mmmein Bonus wargarnichvielheuer. Ichwarunartig, schlschlaschlag mich!« und er reckte Nick die Kehrseite entgegen. Lautes Gelächter ertönte, und Nick fühlte sich wie ein unerfahrener Lehrer, der sich an seinem ersten Unterrichtstag einer Bande Pubertierender in Grenzauslotungsstimmung stellen musste. Oder wie dieses doofe Rentier, das von den anderen ausgelacht … Halt! Ein Gedanke durchzuckte ihn. War das nicht die Chance, von der er seit Jahren träumte? Denen »da oben« mal so richtig die Meinung zu geigen? Also nutzte er das nächste kurze Abebben des Lärmpegels, um nochmal von vorn zu beginnen.

»Ho! Ho! Ho! Was ich sehe, macht mich gar nicht froh!« »Cool«, dachte Nick, »Slam Poetry vom Weihnachtsmann!«, und die Freude über den Reim verschaffte ihm Aufwind.

Also stellte er sich breitbeinig hin, knallte den Sack auf den Boden, hängte die Daumen in seinen breiten Weihnachtsmanngürtel und schwadronierte drauf los. Über den Irrsinn des High-Speed-Tradings, über Moral und Sitte, über die Hypothek seiner Eltern und den Werteverfall im Großen wie im Kleinen. Nach etwa fünf Minuten, in denen er sich immer mehr in Rage redete und die Augen der Feiernden immer größer wurden, endete er schließlich: »… und Ihr? Ihr schuftet 70 Stunden die Woche, seht nie eure Familien, wisst den Wert eines gemeinsamen Abendessens nicht zu schätzen, bekommt eher einen Herzinfarkt als eine Abfindung und alles, was ihr schlussendlich nach aufreibenden Jahren in all diesem Wahnsinn zu erwarten habt, ist … das hier!«

Und mit diesen Worten griff er mehrmals mit beiden Händen in den Jutesack und warf die Geschenke in den Raum. Was da auf dem Boden und den Tischen vor den Vorstandsmitgliedern landete und mit zögernden Handgriffen ausgepackt wurde, erstaunte ihn fast mehr als die Beschenkten: Heizdecken, Rheuma- und Gelenksalben, Schals und Mützen, Ginkgopräparate, Gedächtnismittelchen, Diabetikerschokolade, Kräutertees – alles, was einem verspricht, das beschwerliche Alter etwas erträglicher zu machen, fand sich unter den Präsenten.

Während unter den Beschenkten manche ungläubig glotzten und andere sinnierend nickten, staunte Nick darüber, dass sein Auftritt tatsächlich noch seltsamer gelaufen war, als er befürchtet hatte. »Abflug!«, rief er sich in Gedanken selbst zu und rauschte mit wehendem Weihnachtsmannmantel davon. Wieder unten angekommen, begrüßte ihn im Foyer der Portier mit spöttischem Grinsen. »Na? Irgendeinen Braven gefunden?« Aber Nick konnte nicht antworten, weil sein Handy vibrierte. Sein Chef! Er hob ab und bevor er zu einer Begrüßung ansetzen konnte, plärrte es ihm aus dem Gerät entgegen:

»Bist du völlig irre geworden? Du Idiot hast die Säcke vertauscht! Ich bin im Altenheim in der Blumenallee und hier sind die Alten völlig außer Rand und Band! Die haben hier nagelneue Smart- phones, teuerste Zigarren, Weinbrand und exklusiven Single-Malt-Whisky ausgepackt – und jetzt sitzen sie da, rauchen, saufen und rufen ihre Verwandten an. Und das alles auf Kosten der Bank! Wie soll ich das alles wieder rückgängig machen?« Nick dachte kurz nach. »Wozu denn?«, erwiderte er. »Hat alles seine Richtigkeit. Frohe Weihnachten!« Und mit einem zufriedenen Grinsen schaltete er das Handy aus.

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Bilder CC0,
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